Eduard Ruchti, geboren am 10. August 1834 in Unterseen, verbrachte seine Jugendjahre im Stedtli, wo seine Eltern das Hotel Beau-Site führten. Nach dem Besuch der hiesigen Schulen und einem Aufenthalt in einem welschen Pensionat begab er sich ins Ausland und erlernte den Beruf eines Hoteliers von der Pike auf. In seine Heimat zurückgekehrt, kaufte er in den Jahren 1856 und 1860 die alte «Viktoria»-Besitzung. Mit sicherem Instinkt sah er die kommende Entwicklung Interlakens voraus. 1864/65 erstellte er den monumentalen Neubau der «Viktoria». Damit eröffnete er eine neue Aera der Hotellerie und legte zugleich den Grundstein zur heutigen Fremdenmetropole des Berner Oberlandes. Unter seiner mustergültigen Führung erlangte das «Viktoria» bald weltweit einen hervorragenden Ruf. Ruchti hielt mit allen Neuerungen Schritt, die im Hotelbetrieb aufkamen. Er kaufte weitere Betriebe hinzu, so den «Eiger» in Unterseen und den «Oberländerhof» sowie ein Hotel in Cannes. Zwar hatten Peter Ober und Eduard Ruchti politisch das Heu nicht auf der gleichen Bühne. Gleichwohl bezeichnete Ober schon früh den jungen Ruchti als den «kommenden Mann» auf dem Gebiete der Hotellerie des Bödeli. Und er sollte damit recht bekommen. Auf dem Areal des vom Vater ererbten «Beau-Site» in Unterseen plante Ruchti den Neubau eines Erstklasshotels, das den Namen «Grand-Hotel de l'Europe» bekommen sollte. Der Kostenvoranschlag lautete auf 1,6 Millionen Franken. Diese enorme Summe hielt den gewiegten Geschäftsmann davon ab, den Plan zur Ausführung zu bringen. Auch seine spätere Idee, auf dem Terrain vor dem «Eiger» ein Villenquartier zu errichten, liess er wieder fallen. Im Jahre 1895 gründete Ruchti die AG «Viktoria-Jungfrau», die in der Folge das Hotel Jungfrau erwarb und dieses wie auch das «Viktoria» durch stattliche Neubauten vergrösserte. Es ist ganz klar, dass die Öffentlichkeit die Tatkraft des erfolgreichen Mitbürgers für sich zu gewinnen suchte. Ihm kam vor allem auf dem Gebiete des Verkehrswesens im Oberland die führende Rolle zu. So war Ruchti Mitbegründer der Bödelibahn, der Brünigbahn und der meisten Bergbahnen unseres Gebietes. Der Wahlkreis Unterseen übertrug Ruchti 1865 das Grossratsmandat, und 1896 ordnete ihn das Oberland in den Nationalrat ab. Mit Peter Ober gehörte er auch dem Verwaltungsrat der Kurhausgesellschaft und der Licht- und Wasserwerke (heute Industrielle Betriebe) an. Ruchti wusste sich in allen Stellungen die Achtung und Zuneigung seiner Mitarbeiter zu erwerben. Schon zu Lebzeiten hatte er sich als grosszügiger Gönner wohltätiger Institutionen verdient gemacht. Wo
es als Folge von Krankheit und Schicksalsschlägen materielle Not zu lindern galt, zeigte er immer eine offene Hand. Der heutigen Generation ist der Name Eduard Ruchti freilich nur noch geläufig im Zusammenhang mit der
von ihm errichteten Stiftung. Ihr kamen laut Testament 150 000 Franken zur Gründung eines Waisenhauses für Angehörige des Amtes Interlaken zu. Freilich: Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Der Bau eines Waisenhauses entspricht heute keinem Bedürfnis mehr, so dass die Statuten abgeändert wurden, um die Gelder im Sinne des Testators einem gemeinnützigen
Zwecke zuführen zu können. So werden nun Säuglingsfürsorge, Kindergärten, Horte, Ferienversorgungen, Freizeitbestrebungen und die Behandlung und Ausbildung geistig und körperlich behinderter Kinder und Jugendlicher
finanziell unterstützt. Eduard Ruchti starb nach längerer Leidenszeit am 10. November 1902 in Ouchy bei Lausanne. Seine letzte Ruhestätte fand der «Hotelkönig» auf dem Friedhof von Unterseen. Das Stedtli ehrte seinen
verdienten Mitbürger damit, dass es dem Brunnen auf dem Stadthausplatz den Namen Eduard-Ruchti-Brunnen gab.
Quelle: Rud. Gallati

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