Das Gotteshaus Interlaken stand auf der Höhe seiner Macht. Kluge Pröpste hatten es verstanden, seinen Besitz bis weit über die Tore Berns auszudehnen und ringsum die besten Alpen in ihre Hand zu bringen. Fülle und Üppigkeit waren die Losung seiner Mönche geworden. Damit verging auch der Ruhm der Frömmigkeit, den dieses Kloster einst im ganzen Land genoss.
Einst traf ein hoch am Harder spazierender Mönch ein Unterseener Mädchen beim Holzsammeln. Er stellte ihm nach und jagte es den Waldweg entlang. Da sprang das verfolgte Mädchen in seiner Angst über die furchtbare, jähe Fluh hinaus und fand den Tod. Der Mönch aber wurde vom himmlischen Richter irdischer Untaten in Stein verwandelt und verflucht, unerlöst Jahrtausende lang zur Stelle seines Verbrechens hinunterzuschauen. Noch heute zeigen die Kinder zum steinernen Antlitz über Interlaken. Die Mütter aber lehren ihre Buben, wie Leidenschaften dem Menschen ein elendes Leben und ein schreckliches Ende bereiten können.
(Quelle: Rud. Gallati, Buch „Interlaken – Vom Kloster zum Fremdenkurort“) 
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